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Nietzsche, die Romantiker und die Selbstfindung

  • 7. Juni 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Es gibt ein Zitat von Novalis, das ich hier als Ausgangspunkt verwenden möchte.

 

„Das Leben darf kein Roman sein, der uns geschenkt wird, sondern einer, den wir selbst gestalten.“

 

Honoré Daumier – The Burden (c. 1850)
Honoré Daumier – The Burden (c. 1850)

Das ist ein treffender Satz, weil er so offensichtlich klingt, bis man genauer darüber nachdenkt. Viele von uns verbringen den Großteil ihres Lebens damit, Geschichten zu leben, die uns von anderen vorgegeben wurden. Zuerst sind es die Eltern, dann Lehrer, Freunde. Dann kommen Kultur und Erwartungen hinzu. Meistens merken wir das gar nicht.

 

Auch Nietzsche interessierte sich für dieses Problem. Und wie üblich ging er es auf kreative Weise an. Er spricht von drei Stadien der persönlichen Transformation: dem Kamel, dem Löwen und dem Kind.

 

Das Kamel nimmt die Last auf sich.

 

„Das Kamel sagt: ‚Ich werde die Last tragen, die ihr mir aufgebürdet.‘“

 

Er trägt all diese Erwartungen. Und das ist eigentlich gar nicht schlecht. Es ist wichtig. Und notwendig, denn hier sind Pflicht, Disziplin und Verantwortung verankert.

 

Théodore Géricault – The Wounded Cuirassier (1814)
Théodore Géricault – The Wounded Cuirassier (1814)

Doch irgendwann taucht die Frage unweigerlich auf.


„Ist das wirklich das Leben, das ich will?“


Und dann tritt der Löwe auf.

 

„Der Löwe muss noch kämpfen... er muss noch stark werden, um Nein sagen zu können.“

 

Der Löwe ist mutig und lernt, Nein zu sagen. Nein zu allen Erwartungen, zu den Überzeugungen, die ihm von anderen aufgezwungen wurden. Er sagt Nein zu den Geschichten, die nicht mehr zu ihm passen.

 

Viele Menschen betrachten dies als Freiheit. Aber Nietzsche nicht.

 

Denn obwohl der Löwe hervorragend Nein sagen kann, gibt es eine Sache, die er nicht kann: Er kann nichts erschaffen.

 

Das ist Sache des Kindes.

 

In den Worten Nietzsches:

„Schließlich wird der Geist zum Kind: Ein Kind ist Unschuld, Vergesslichkeit, ein Neubeginn, ein Spiel, ein sich selbst antreibendes Rad, ein heiliges ‚Ja‘.“

 

Das Kind sagt Ja. Und es ist kein passives Ja, wie Gehorsam. Es ist ein kreatives Ja. Dieses Ja beginnt von Neuem, das Ja, auf das Novalis in dem Zitat anspielt.

 

Philipp Otto Runge – The Hülsenbeck Children (1805–06)
Philipp Otto Runge – The Hülsenbeck Children (1805–06)

Und genau hier treffen Nietzsche und die Romantiker aufeinander. Denn keiner von ihnen glaubt, dass man sich selbst finden muss, um die Welt vollständig abzulehnen. Es erfordert vielmehr die Erschaffung von etwas Neuem.

 

Und deshalb hat Novalis' Aussage so viel Bedeutung. Das Leben darf kein Roman sein, der uns vorgegaukelt wird. Wir müssen es selbst gestalten. Natürlich haben wir nicht alles unter Kontrolle, aber wir müssen am Schreibprozess mitwirken.

Und das ist keine Rebellion oder Selbstdarstellung um ihrer selbst willen. Es bedeutet, den Mut zu haben, sich ein anderes Leben vorzustellen und es dann tatsächlich zu leben.

 


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